Michael Gutmann:
Der Sinn Deines Lebens

Die Suche nach Sinn

Sinn und Gesundheit

Mit dem Sinn des Lebens oder dem Lebenssinn ist es ein bisschen so wie mit der Gesundheit: Solange wir gesund sind, können wir nicht viel über unsere Gesundheit erzählen. Es ist einfach alles in Ordnung; wieso also ein großes Aufheben machen?

Wenn wir selbst gesund sind und umgeben sind von lauter gesunden Menschen, auch umgeben von jeder Menge gesunder Natur, dann wirkt die Frage nach der Gesundheit geradezu lächerlich: Alles ist doch in Ordnung! Wozu sich also mühsam Gedanken machen über etwas, was im Überfluss ganz selbstverständlich vorhanden ist? Da haben wir doch Besseres zu tun, oder nicht? Da kümmern wir uns doch lieber um das, woran es uns alltäglich spürbar mangelt! (Meistens ist es dann vor allem Geld oder Gold!)

„Wir erfreuen uns blendender Gesundheit“, besagt eine Redewendung, obwohl sich die meisten von uns doch gar nicht wirklich über die Gesundheit freuen. Denn zum einen wird sie ja so selbstverständlich hingenommen; da gibt es keinen großen Grund zur Freude. Und zum anderen wissen wir alle: die Gesundheit, von der wir gar nicht genau sagen können, was sie denn ist, ist ein zerbrechliches Gut Und Ruck-Zuck haben wir uns den nächsten Schnupfen oder etwas noch viel Gemeineres eingefangen und sind nicht mehr gesund, sondern: krank! Dann sehnen wir uns nach Gesundheit, von der wir immer noch nicht sagen können, was sie ist.

Die Realität sieht leider nicht so aus, dass wir uns alle ständig blendender Gesundheit erfreuen. Im Gegenteil: Ein großer Teil von uns Menschen sind eher krank als gesund: Manche sind nur ein bisschen krank, so dass es Ihnen selbst und auch anderen Menschen gar nicht auffällt, dass sie krank sind; andere sind schon schlimmer krank, so dass die Frage nach der Gesundheit plötzlich brandaktuell wird; und wieder andere sind richtig schlimm krank: Ihnen erscheint die Gesundheit wie ein fernes, fremdes Gut.

Was ist die Gesundheit

Was also ist die Gesundheit? – Wir wissen es noch immer nicht. Wir wissen nur, dass sie uns gesund und am Leben erhält. Das einzige, was wir ziemlich sicher wissen, ist, dass es verschiedene Krankheiten gibt, die uns krank, nicht mehr gesund, werden lassen. Diese Krankheiten versuchen wir zu benennen und wir versuchen Mittel gegen diese Krankheiten zu finden; Mittel, die uns wieder gesund werden lassen, indem sie die Krankheit bekämpfen; Mittel, die versuchen, unsere Gesundheit wieder herzustellen.

Schließlich, wenn wir dann, vielleicht nach langer und quälender Krankheit, wieder gesund geworden sind, werden wir uns intensiv darum bemühen, nun nicht gleich wieder krank zu werden. Wir werden uns vielleicht fragen: Was erhält uns gesund? Und wir werden uns dementsprechend verhalten. Und manche von uns, vielleicht auch Du, werden sich vielleicht auch fragen, was sie wohl ist, diese Gesundheit.

Die Suche nach dem Sinn

Mit dem Sinn verhält es sich ähnlich wie mit der Gesundheit: Solange wir uns selbst, unsere Mitmenschen und das Verhältnis zu unseren Mitmenschen sowie die Welt um uns herum ganz gut, ganz brauchbar, ganz in Ordnung vorkommen, so lange brauchen wir nicht nach dem Sinn zu fragen. Alles ist ja in Ordnung, wir selbst, unsere Mitmenschen und die Welt um uns herum scheinen uns auch ganz in Ordnung, sozusagen „gesund“ zu sein. Wir fühlen uns wohl! Alles ist kein Problem. Warum sollte man da über den Sinn und den Sinn des Lebens nachdenken? Es wäre unnötig!

Spontan reagieren wir aber, wenn uns etwas unsinnig, völlig sinnlos, unwahr oder unlogisch, absurd erscheint. Berührt uns diese Situation nur wenig oder überhaupt nicht, werden wir wahrscheinlich über die Sinnlosigkeit lachen, wie über einen Witz. (Vielleicht ist es ja gerade die Sinnlosigkeit, das Absurde, das den Witz ausmacht, das den Witz zum Witz werden lässt!)

Die Konfrontation mit der Sinnlosigkeit

Sind wir aber durch eine Sinnlosigkeit, zum Beispiel durch eine offensichtliche Unwahrheit, persönlich und direkt betroffen sind, sieht die Sache anders aus. Und wenn diese Sinnlosigkeit dann noch direkte Auswirkungen auf uns und unser Leben hat, werden wir wohl nicht mehr nur lachen. Vielleicht lachen wir ein bisschen weniger, wenn wir die neue, weniger sinnvolle Situation durchdacht haben und merken, dass sie unsere Lebensqualität einschränkt. Vielleicht lachen wir auch überhaupt nicht mehr, weil wir spüren oder wissen, dass das Sinnlose unsere Lebensqualität, vielleicht unser Leben selbst, massiv bedroht.

Was das denn sein könnte, fragst Du? – Nun, zum Beispiel eine öffentliche Lüge über Dich und Dein Leben, eine Verleumdung, ein Betrug, ein in betrügerischer Absicht Dir vorgelegter Vertrag, ein Verrat, eine ungerechte Verurteilung, …

Sinnlosigkeit ist eine Bedrohung

Was ist nun neu hinzugekommen, das unser Leben bedrohen kann?

Hinzugekommen ist ein unserer Meinung nach irrendes, fehlerhaftes Denken und Handeln, eine Sinnlosigkeit, möglicherweise eine Gefahr, die uns genauso wie eine Krankheit ängstigt, schwächt und bedroht. Hinzugekommen ist eine Sinnlosigkeit! Und damit ist eigentlich nichts hinzugekommen, denn eine “  Losigkeit“, hier die Sinn-Losigkeit, ist ja immer nur ein Fehlen von etwas. Und was fehlt ist: Der Sinn!

Leben angesichts der Sinnlosigkeit

Erst wenn wir mit massiver Sinnlosigkeit konfrontiert werden und uns vielleicht ärgern, grämen oder traurig oder wütend sind, wenn wir in einer Sinn-kranken Situation feststecken, merken wir, was wir schmerzlich vermissen: Den Sinn!

„Das ergibt doch alles keinen Sinn“, ist der erboste Ruf, den wir dann zu hören bekommen und dieser empörte Ruf ist dann wohl von jedem erwachsenen Menschen des westlichen Kulturkreises zu hören; völlig unabhängig von Beruf, Geschlecht oder Bildung. Unterschiede gibt es dann nur noch darin, worin der eine oder der andere Mensch den Sinn erkennen kann. Aber darüber kann man ja sprechen und sich gemeinsam Gedanken machen. Vorausgesetzt, man stellt die Frage nach dem Sinn!

Die Frage nach dem Sinn ist der Schlüssel zur Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung

Die Frage nach dem Sinn – und natürlich der Versuch ihrer Beantwortung – ist der Schlüssel zu jeder geistigen Entwicklung. Denn mit der Frage nach der individuellen Meinung oder Erkenntnis von Sinn stellt sich die Frage nach dem Ich, die Frage nach dem Selbst, die Frage nach der Selbsterkenntnis: Wer bin ich überhaupt? – Was ist mir wichtig und wertvoll? – Wie will ich leben? – Wofür bin ich da? – Wofür will ich da sein? – Worauf kann ich mich bei mir und worauf können sich andere bei mir verlassen?

Fragen führen zum Sinn

Indem wir uns diese Fragen stellen, über diese Fragen nachdenken und versuchen, uns diese Fragen zu beantworten, sind wir in der Verwirklichung von Sinn schon mitten drin! Denn der Sinn, vor allem natürlich das Verständnis von Sinn, findet jenseits der menschlichen „Natur“, jenseits der bloßen tierisch-körperlichen Existenz, im Denken statt. Im Verstandesgebrauch, vor allem aber im Vernunftgebrauch.

Verstand und Vernunft

Verstand und Vernunft sind uns leider nicht von Natur gegeben. Während unser Bildungssystem darauf beruht, und zwar ziemlich erfolgreich darauf beruht, Verstand zu entwickeln und Verstand zu gebrauchen, sieht sich die Vernunft trotz aller aufklärerischen Gedanken sehr stiefmütterlich behandelt. Der Schlachtruf der europäischen Aufklärung müsste eigentlich heißen: „Wage es, Dich Deines Verstandes und Deiner Vernunft zu bedienen!“

Nur wenn wir unsere Vernunft gebrauchen, können wir sinnvoll und gut leben! Nur dann können wir Sinn verwirklichen! Bei genauerer Betrachtung wird sich zeigen, dass der Vernunftgebrauch selbst schon eine der hohen Möglichkeiten der Sinnverwirklichung, des guten und sinnvollen Lebens, ist.

Der Sinn und das Gute

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass ich gerade bereits das Sinnvolle mit dem Guten gleichgesetzt habe. Und vielleicht hast Du Dich auch über diese Gleichstellung gewundert oder geärgert. Das täte mir leid! Die Erklärung hierzu will ich gleich nachliefern: Immer, wenn wir nach dem Sinn von etwas fragen, oder fragen, ob etwas sinnvoll ist, fragen wir selbstredend danach: Ist es gut? – Wir alle unterstellen, ohne dass wir es jedes Mal merken, dass der Sinn etwas Gutes ist. Und dass eine Sache, wenn sie uns sinnvoll erscheint, auch gut ist. Und wenn man es genau untersucht, zeigt sich auch, dass diese Unterstellung, Vermutung oder Annahme, solange sie auch von der Vernunft geleitet und geprüft wird, stimmt.

© Dr. Michael Gutmann
(SokratesBerlin. de, Sinn-Therapie.com)

Berlin, im August 2016


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