Michael Gutmann:
Der Sinn Deines Lebens

Der Sinn und das Gute

Brauchen wir einen Sinn für unsere Leben?

Wofür sollte das Nachdenken über den Sinn des Lebens gut sein? Was sollte dieser Sinn des Lebens sein? Und wofür sollten wir diesen Sinn des Lebens brauchen? Doch zuvor: Brauchen wir den Sinn des Lebens denn überhaupt?

Vor jeder philosophischen Überlegung, was der Sinn wohl ist, wozu er uns dienen mag und wofür wir ihn brauchen, sollten wir feststellen: Seit wir menschliche Kulturen kennen, kennen wir diese Kulturen, da sie uns Spuren von Sinn (Grabstätten, Werkzeuge, Zeichnungen, Schmuck, etc.) hinterlassen haben. Und wir dürfen wohl auch davon ausgehen, dass alle menschlichen Kulturen danach strebten, sich den Sinn Ihres Lebens, die Ursache ihres Lebens und die Zusammenhänge von ihrem Leben, dem Sternenhimmel und der Welt um sie herum zu erklären versuchten. Die Antworten auf ihre Fragen fanden die Menschen schließlich in der gemeinsamen Übereinkunft über Sinn-Systeme; Sinnsysteme, die wir Religion nennen.

Alle menschlichen Kulturen besitzen Sinn stiftende Religionen

Alle menschliche Kulturen schufen sich Sinn stiftende Religionen. Von Natur aus besitzt der Mensch wohl einen Willen zum Sinn, von Natur aus besteht für den Menschen die Notwendigkeit zum Sinn, von Natur aus muss sich der Mensch wohl über den Sinn und des Lebens Sinn Gedanken machen und Antworten finden. Mit dem Eintritt des Selbstbewusstseins in die Menschheit ging wohl auch der Wille zum Sinn ein Wille zum Erkennen und Verstehen, ein Wille zur Beantwortung der Frage nach dem Sinn einher.

Die Menschen damals – waren es überhaupt schon Menschen in dem „Sinn“, was wir heute unter Menschen verstehen? – nannten das, was sie suchten, natürlich noch nicht Sinn. Sie wollten nur irgendwie irgend etwas verstehen. Und damit sind sie uns heutigen sehr nah.

Wir Menschen suchen alle nach dem Sinn, ob wir das nun wollen oder auch nicht. Ganz egal, wie unsere Antworten ausfallen. Wir können gar nicht anders. Selbst wenn wir es anders wollten. Wir werden immer das erkennen wollen und das tun, was uns, subjektiv, sinnvoll erscheint. Und wir unterstellen dem Sinnhaften immer einen Nutzen.

Das gilt übrigens auch für all die großartigen Autoren neuerer Zeit, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Totengräber einer „Philosophie nach Auschwitz“ zu sein oder die Behaupten wollen, der Sinn sei nur ein kulturelles Konstrukt, dem man sich doch bitte entledigen solle („Stop making Sense“). Aber siehe da: Diese Autorinnen versuchen sinnvoll zu argumentieren! In ihrem Versuch, den erkennbaren Sinn zu diskreditieren, beziehen sie sich selbst in ihren Argumentationen wieder auf den Sinn, da sie ja gar nicht anders können, da sich ohne den Sinn ja gar keine Argumentationen aufbauen lassen. Ein lächerliches, erbärmliches und von der Intention her schäbiges Unterfangen also, anderen Menschen erzählen zu wollen, die Frage nach dem Sinn sei zeitlich lange überholt, hinfällig, obsolet.

Das Selbstverständliche

Die Frage nach dem Sinn von etwas

Wir sind es so selbstverständlich gewohnt, nach dem Sinn von etwas, nach dem Sinn einer Sache, einer Regelung, einer Handlung zu fragen, dass wir gar nicht auf den Gedanken kommen, unsere Frage nach dem „Sinn von Etwas“ genauer anzuschauen oder gar zu hinterfragen. Warum sollten wir das auch tun? Würde es uns denn helfen, eine Antwort auf unsere Frage nach dem Sinn von Sinn zu erhalten? – Vermutlich nicht. Oder vielleicht doch?

Die Frage nach dem Sinn von etwas und die Antwort darauf

Wir können ja mal Spaßes halber und völlig unverbindlich diesen Impuls aufnehmen und uns fragen: Wonach fragen wir denn überhaupt, wenn wir die Frage nach dem Sinn von etwas stellen? Und was für Antworten, formal und inhaltlich, erwarten wir denn, wenn wir diese Frage stellen? Welche Antworten könnten uns denn zufriedenstellen? Wie muss eine Antwort, die uns befriedigend über den Sinn von etwas Auskunft gibt, gestrickt sein?

Verständlichkeit

Zuerst einmal, damit uns eine Antwort zufrieden stellen kann – und da werden sicherlich alle zustimmen, erwarten wir von einer Antwort – von jeder Antwort aber von einer Antwort nach dem Sinn von etwas ganz besonders – dass wir die Antwort verstehen können, — dass wir die Antwort verstehen und nachvollziehen können.

Erhielten wir eine Antwort, die wir gar nicht verstehen können, fühlten wir uns sicherlich nicht ernst genommen oder vielleicht sogar ganz gezielt betrogen. (So erleben wir es ja tagtäglich bei zahlreichen Interviews und Stellungsnahme unserer prominenten, medienwirksamen Politiker und Volksvertreter).

Aber Verständlichkeit allein wird uns nicht ausreichen, um uns zufrieden zu stellen, damit wir wirklich den Sinn in der Antwort auf die Frage nach dem Sinn von etwas akzeptieren können.

Die Erwartung des Nützlichen, des Guten

Ohne zu tief darauf eingehen zu wollen, wann wir überhaupt eine Antwort oder eine Aussage akzeptieren können, denn dies ist überraschender Weise vorrangig keine rationale, sondern eine emotionale Reaktion, können wir doch feststellen: Um den erklärten Sinn von etwas verstehen und akzeptieren zu können, müssen wir etwas Gutes, etwas Nützliches in dem Erklärten erkennen können.

Dieses Gute, dieses Nützliche wollen wir in Erfahrung bringen, wenn wir die Frage nach dem Sinn von einem Etwas, einer Handlung, einem Gedanken, einer Maßnahme oder was auch immer, stellen.

Hinter jeder Frage nach dem Sinn steht die Frage nach dem Guten!

Wer kann und mag, der kann festhalten, dass hinter jeder Frage nach dem Sinn die Frage nach dem Guten und die Frage nach dem Nützlichen steht.

Der Wunsch und die Möglichkeit, das Gute zu erkennen und zu verstehen, ruft erst die Frage nach dem Sinn hervor. Die Existenz des Guten und des Sinns begründet die Frage nach dem Sinn, die Frage nach dem Guten. Wie ja überhaupt das Gute, der Sinn, alles Seiende und alles Gewordene begründet.

Die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens

Es ist weder unanständig noch ein Symptom von Krankheit, vielmehr ein Ausdruck philosophischer Aufgeschlossenheit und menschlicher Mündigkeit, sich selbst vorbehaltlos die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens zu stellen. Warum sollten wir uns diese Frage auch nicht stellen? Schließlich ist unser ganzes Leben und Handeln, sofern es nicht nur Sklave der Begehren sein soll, doch darauf ausgerichtet, Sinn zu verwirklichen. Angesichts dessen über den Sinn des Lebens keine Klarheit gewinnen zu wollen, wäre schon eher ein Ausdruck krankhafter Verdrängung oder Verleugnung; zumindest ein Ausdruck menschlicher Ahnungslosigkeit und Unreife.

Also stellen wir uns doch einfach mal ganz frei von hemmenden Gedanken die Frage nach dem Sinn unseres Lebens! Und um bei unserer Suche nicht in allzu große Verwirrung zu geraten, stellen wir uns am besten zuerst die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens ganz allgemein und anschließend dann die Frage nach unserem individuellen Lebenssinn!

Der Sinn des Lebens ganz allgemein

Wenn wir uns den Planeten Erde in seiner wandelbaren Position im Kosmos betrachten, so können wir uns doch ruhig einmal fragen, wieso sich auf diesem unseren Planeten Leben gebildet hat. Denn davon gehe ich aus, dass sich das Leben gebildet, entwickelt hat; ich möchte nicht wortwörtlich glauben, dass eine wie auch immer benannte Gottheit oder gar personifizierte Gottheit von „außen“ (wo immer das ist) das Leben aller Gattungen auf der Erde binnen kurzer Zeit kreierte, um im großen stillen Kosmos nicht ganz so alleine zu sein. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass sich das Leben gesetzesfrei, ohne Führung, autonom und postmodern irgendwie nach Lust und Laune entwickelt hat. Ganz und gar nicht! So zahlreich sind die Naturgesetze alles Lebendigen sowie die physikalischen, chemischen etc. Naturgesetze, dass wir feststellen dürfen: Das Leben ist in seiner Lebensumgebung durchaus ein sehr wohlgeordneter Zustand, ein wohlgeordneter Prozess. Ein Sinn erfüllender, sinnvoller Prozess.

Ich selbst bin nun weit davon entfernt, die Entstehung und die Entwicklung des Lebens auch nur annähernd verstanden zu haben, obwohl ich mir einige Mühe gegeben habe, diese erhabenen Fragen zu kapieren. So versuche ich, mich im Dunkeln zu orientieren.

Das Leben

Ist das Leben der Gattungen einmal da, so sind sicherlich die Gedanken der Evolutionsbiologie ganz hilfreich, um die weitere Entwicklung der Gattungen zu verstehen. Aber die Evolutionsbiologie erklärt mir eben auch nicht die Entstehung des Lebens. Ich hatte mir, von physikalischem oder biochemischen Denken ausgehend immer gewünscht, so eine Antwort zu finden wie: „Das Leben entstand, weil es dadurch einer molekularen Struktur ermöglichte, auf energetisch niedererem Niveau zu existieren“. Weil ja alles physikalisch nach dem niedersten Energieniveau strebt. Oder von mir aus hätte mich auch ein Satz wie: „Das Leben entstand, weil es einer Molekularstruktur ermöglichte, mit der ihm zugeführten Energie durch Temperatur und Licht weiterhin, wenn nun auch auf geänderte Art und Weise, existieren zu können“.

Ihr seht: Ich suche aus meiner heutigen Warte nach einem Sinn in der Entstehung des Lebens selbst. Weil ich glaube, weil ich fest davon überzeugt bin, dass unsere Naturgesetze bereits galten, als das Leben entstand. In diesem Gedanken, werden sicherlich die meisten Wissenschaftler, mit Ausnahme einiger weniger Kreationisten, konform gehen. Mit allem anderen, dem energetischen Denken, befinde ich mich vielleicht auf dem Holzweg, vielleicht auch nicht. Überzeugt bin ich nach wie vor davon, dass es einem lebendigen Organismus, ganz klein oder ganz groß, so zu sein, wie er ist, im Rahmen der Naturgesetze das Beste ist: Jedes Lebewesen und jede Gattung von Lebewesen entwickelte und entwickelt sich so, wie das Lebewesen am besten leben kann.

Das Streben nach dem Guten

Mit diesem „Besten“ kommt nun schon das „Gute“ ins Spiel.

Wenn wir von der Hypothese ausgehen können: Jedes Lebewesen und jede Gattung von Lebewesen entwickelt sich so, wie es oder sie am besten leben kann, dann heißt das nichts anderes als: Jedes Lebewesen strebt von Natur aus nach dem Guten. Klar ist freilich, dass dieses Gute ja nach Gattung unterschiedlich ist; das Gute für den Regenwurm ist ein anderes Gutes als das Gute für den Menschen; darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Als Gemeinsames bleibt aber doch die Erkenntnis, dass es in der Vielfalt der Arten ein allgemeines Streben danach gibt, so gut als möglich leben und überleben zu können. Mit anderen Worten: So zu leben, wie es für das Lebewesen Sinn macht, so zu leben, wie es für das Lebewesen sinnvoll ist. Denn wohl nur durch die Erkenntnis, dass alles versucht, ein gutes Leben zu verwirklichen, können wir auch sagen, alles strebt nach der jeweiligen gattungsgemäßen Sinnverwirklichung. Und alles zusammengenommen können wir sagen: Alles strebt nach dem Guten; Alles strebt nach Sinn. Denn der Sinn und das Gute sind hier ein- und dasselbe!

Der Sinn des menschlichen Lebens

Nun begeben wir uns auf schlüpfriges Gebiet, wenn wir Menschen etwas über den Sinn des menschlichen Lebens, damit über den Sinn von uns selbst erkennen wollen. Wie wollen wir den Sinn menschlichen Lebens überhaupt erkennen? – Durch die Sinne? Durch Gefühle? Durch heilige Schriften? – Ich schlage vor, wir nehmen alles zusammen und führen es dann dem Verstand und der Vernunft zu. Wir bewegen uns also auf dem Pfad „Vom Gefühligen zum Vernünftigen!“.

Was ist denn gemeint mit diesem „menschlichen Leben“?

Der Mensch ist zu einem großen Teil ganz einfach Tier, Lebewesen, Zoon. Aber er ist ein ganz besonderes Tier! Denn der Mensch besitzt die Anlage zu einer Reihe von Fähigkeiten, die Tiere entweder nicht oder nicht in dieser Zusammenstellung besitzen.

In der Tat sind es zu einem großen Teil oder vor allem die tierischen Anlagen und Bedingungen, die uns zu schaffen machen können und uns tatsächlich auch sehr beschäftigen: Wir müssen uns ernähren, sind gefährdet durch Hitze und Kälte, wollen uns fortpflanzen oder zumindest so tun als ob wir uns fortpflanzen wollten, haben es also mit allerlei Notdurft zu tun, wollen auch in einer Gruppe leben, die uns Sicherheit und Schutz bietet und so weiter und so fort. Doch all diese tierischen Grundbedingungen, die wir mehr oder minder zwangsweise erfüllen müssen und die Frage, wie wir sie am besten erfüllen können, interessieren mich nur wenig, wenn ich nach dem spezifischen Sinn des Menschen frage. Obwohl, das ist mir bewusst, gerade nach die Fragen nach der Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse im anhebenden Weltkapitalismus wieder eine, wenn nicht die entscheidende Rolle spielen werden.

Die Frage nach dem spezifisch Menschlichen

Die Frage nach dem spezifischen Sinn menschlichen Lebens zielt vor allem auf die übertierischen Bereiche, auf die Bereiche, die vor allem uns Menschen, Tieren aber nicht oder nur kaum zu eigen sind. Schließlich entstammt auch die Frage nach dem Sinn selbst diesen Bereichen. Und kein Tier der Welt stellt sich wohl, soweit wir es erahnen können, diese Frage.

Die Erfüllung der Grundbedürfnisse ist nur die notwendige Voraussetzung, – mehr nicht – um überhaupt leben zu können, um sich überhaupt die Frage nach dem Sinn und dem Lebenssinn stellen zu können und letztlich auch verwirklichen zu können. (Wobei es schon maßgeblich zur Sinn-Verwirklichung gehört, dass wir uns ernsthaft die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens und später auch im Besonderen unseres eigenen Lebens zu stellen wagen).

Ein entscheidendes Merkmal, das wir Menschen (die meisten von uns) gegenüber den Tieren in erhöhtem Maß besitzen, sind die Veranlagung zum Verstandes- und Vernunftgebrauch. Sie ermöglichen vieles Andere, das dann auf unterschiedlichen Ebenen in unterschiedlichen Bereichen verwirklicht werden kann.

Zoon logon echon.

Zoon logon echon: Also nehmen wir uns doch ruhig die berühmte Formel des Aristoteles zur Hilfe: Zoon logon echon (Quelle). Damit das auch Sinn macht, wollen wir diese Formel doch einmal ins Deutsche übertragen“. Und damit gehen die Fragen schon los: „Zoon“ steht für Tier oder für Lebewesen („Zoo“), also das, was wir zuvor angesprochen haben. „Echon“ steht für „haben“ und da müssen wir später dann überlegen, was der Mensch denn nun hat und was er nicht hat oder was er noch nicht hat. Und richtig spannend wird es nun beim Wort „Logos“ (hier im Akkusativ: logon) Dieses Wort Logos ist, frech gesagt, die griechische Zauberpfanne, das griechische Chop Sue! Da kann ziemlich viel drin stecken und man weiß nicht, was genau und man weiß auch nicht genau, was das Gegenüber genau meint, wenn es „Logos“ sagt. Genau betrachtet verbirgt sich hinter dem Begriff Logos, die Ursache alles Seins und alles Gewordenen. Es ist, ohne weitere Zusätze, ein Hinweis auf Wahres, Richtiges, Gutes, Schönes. Dieses Wort Logos kann – in unterschiedlichsten Zusammenhängen – stehen für Wort, Rede, Lehre, Erkenntnis, Rechnung, Sinn, Verstand, Vernunft. Was davon wählen wir uns nun für die spezifischen Fähigkeiten des Menschen aus?

Felder der menschlichen Sinnverwirklichung

So uneindeutig die Übertragung des Wortes Logos in unsere Sprache auch ist, so eindeutig weist der Begriff Logos uns doch darauf hin, auf welchen Gebieten wir vorrangig Sinn verwirklichen können: Nämlich im Verstand, in der Vernunft, durch Erkenntnis, durch die Rechnung und Berechnung, durch Wissenschaft, durch die Rede und nicht zuletzt durch den Dialog, das wertvolle Gespräch mit dem Ziel eines Erkenntnisgewinns. Und gerne würde ich auch noch die Musik hinzufügen, obwohl sie vom griechischen Logos noch nicht erfasst wurde. Hier finden wir Menschen also die Felder, auf denen wir Sinn verwirklichen können und in all den Bereichen, die diesen Feldern angeschlossen sind, den ausführenden, produzierenden und produktiven Bereichen, gilt dies gleichfalls.

Und so stehen wir vor der Frage: Wollen wir ein sinnvolles Leben führen, ein Leben in dem wir Sinn verwirklichen? Oder wollen wir ein Leben ohne Verstand, ohne Vernunft, ohne die Verwirklichung von Sinn führen und damit ein sinnloses Leben?

Allein in der Verdauung, auch wenn sie noch so gut funktioniert und allein in der körperlichen Fortpflanzung, auch wenn sie im ersten Stadium viel Spaß machen kann, kann ich keinen spezifisch menschlichen Sinn erkennen. Ein rein solches Leben, in dem nur die Notdurft befriedigt wird, erscheint mir, da kein oder kaum Sinn verwirklicht wird, in der Tat sinnlos! Selbst wenn es Freude bereiten sollte!

Erscheinungsweisen von Sinn

So wollen wir einerseits vielleicht ein Leben im Sinn führen und auch Sinn verwirklichen, andererseits fragen wir uns vielleicht angesichts mancher Undurchsichtigkeiten, wo denn in unserem Leben überhaupt Sinn gefunden werden kann und wie, auf welche Weise wir Sinn verwirklichen können. Es wurde ja bereits angesprochen: Wer nach dem Sinn fragt, fragt nach dem Guten und nach dem guten Leben. Und natürlich wollen wir alle ein gutes Leben führen, selbst auch Gutes verwirklichen, wobei vorerst noch offen ist, was dieses Gute eigentlich ist.

Das Gute – Eine Arbeitsdefinition

Bevor wir uns den Erscheinungsweisen von Sinn zuwenden, sollten wir, um Weiterdenken zu können, zumindest eine Arbeitsdefinition vom Guten haben.

Da wir ja Menschen sind und „gut“ und „schlecht“ aus unserer menschlichen Warte betrachten, — vorerst haben wir keine andere, bessere Chance, schlage ich als Arbeitsdefinition vor:

Gut ist das, was das Leben erhält und fördert!

Und nun fallen uns wahrscheinlich sofort tausenderlei gute Dinge ein und das ist auch gut und schön so. Was wir aber suchen, wenn wir den Sinn, das Gute selbst finden wollen, ist das, was all diesen guten und schönen Dingen gemeinsam ist; das, was sie erst gut und schön sein lässt; das, was sie letztlich zu Dingen macht, die unser Leben erhalten und fördern. Wir begeben uns auf die Suche!

Sinn und Funktionalität

Wer es schon einmal, vielleicht als Ingenieur oder als Architekt mit Statik zu tun hatte, zum Beispiel der Statik der einer größeren Brücke oder der Statik eines Hochhauses, der wird sehr wohl wissen, dass wir einige von der Natur vorgegebene Spielregeln zu beachten haben. Tun wir dies nicht, werden wir nicht erfolgreich sein können und laufen leicht Gefahr, dass unser prächtiges Bauwerk nicht lange von Bestand ist, sondern einfach aufgrund seiner statischen Unzulänglichkeit einbricht.

Die Naturgesetze vertreten hier einen Teil des Sinns oder des Guten, an dem wir uns zu orientieren haben. Sie bestimmen die Ordnung, an der wir uns zu orientieren haben. Diese Ordnung ist ein Teil des Sinns, ein Teil des Guten. Sie ist ein Bestandteil des Sinns und des Guten, noch nicht das Gute selbst, denn damit die Brücke oder das Bauwerk wirklich sinnvoll und gut ist, muss auch die Funktion sinnvoll und gut sein. Sie muss das Leben erhalten und fördern! Die Ordnung ist das Eine, die Harmonie, die durch die Funktion geschaffen werden muss, ist das Andere, damit wir sagen können: Es ist sinnvoll; es ist gut so!

Sinn und Wissenschaften

In manchen Wissenschaften, vornehmlich den Naturwissenschaften, sind wir bemüht, etwas vom Sein, vom Gewordenen, vom Sinn der Welt zu erfahren und zu erfassen. Das ist auch gut und schön so. Und vielleicht kommt auch der eine oder andere Wissenschaftler auf den Gedanken, nicht nur, ausgehend von seinem selbstverständlichen „Ich denke“ die Natur zu befragen, sondern auch eine Selbstreflexion zu wagen und den Blick auf die Werkzeuge seines wissenschaftlichen Denkens und Erkennens zu richten. Dann wird er sich fragen: „Was, welches Können, welche Eigenschaft, welches Organ, ermöglicht mir eigentlich mein Fragen? Was ermöglicht mir mein Denken? Und was ermöglicht mir mein Prüfen, mein Bewerten, mein Verstehen? Diese Fragen waren es übrigens, die mich als Planungs- und Konstruktions-Ingenieur zur Philosophie geführt hatten: Fragen der Philosophie und der Wissenschaftstheorie. Fragen, die unmittelbar über das Gewordene hinweg auf das Sein und den Sinn von Sein zielen.

Manche Wissenschaften befassen sich also durchaus mit dem Sinn von Sein, dem Sinn des Gewordenen und dem Sinn des Wirkens menschlicher Existenz.

Sinn und Musik

Was ergreift unsere Seele stärker als die Musik?

Ein ganz anderer, geheimnisvoller Bereich, der sich ebenfalls mit dem Sinn befasst, ist die Musik. Zwar, mit Ausnahme der Musiktheorie vielleicht, nicht unmittelbar, aber unbewusst, indirekt eben doch. Durch differenziertes Hören und emotionale Wertungen und Bewertungen kommt die Musik in ihrem subjektiven Erleben dem Sein und dem Sinn doch sehr nah. Denn das, was wir hören, ist der physikalische Ausdruck eines mathematischen, auf Zahlen und Proportionen beruhenden Werkes, das uns auf geheimnisvolle Weise emotional berühren kann. Daher sprach Sokrates / Platon vom Hören der Musik auch von einem Zählen mittels des Gehörs.

Harmonie und Ordnung

Es sind stets eine Harmonie und eine Ordnung, die uns auf die Möglichkeit von Sinn, auf die Möglichkeit von etwas Gutem verweisen. Wenn wir selbst in unserem Leben oder der Welt etwas Gutes erschaffen wollen, können wir leider auch irren – gut gedacht, schlecht gemacht (oder vielleicht auch nicht einmal gut gedacht) – aber ohne Harmonie und Ordnung wird sich niemals etwas Gutes verwirklichen lassen. Wir sind auf Harmonie und Ordnung angewiesen!

Nun werde ich stets darauf angesprochen, dass dieses antike, verstaubte, veraltete Denken doch heute nicht mehr gelten könne. Denn gerade heute seien wir doch darauf angewiesen, die alten, ausgelatschten Pfade der alten Ordnung und der alten Harmonie zu verlassen, um in Bereichen, in denen das bisherige Denken keine Gültigkeit mehr besitzt, unser Glück zu finden und zu suchen.

Mikrokosmos – Mesokosmos – Makrokosmos

Und diesem Einwand stimme ich auch gerne zu, denn unsere sinnlich wahrnehmbaren, von Natur aus denkbaren Dimensionen von Natur und Ordnung gelten sicherlich nur in dem uns direkt erfahrbaren mesokosmischen Bereich. Der mesokosmische Bereich, das ist der Bereich, der sich in unseren menschlichen Größenvorstellungen in der „Mitte“ (gr. mesos) befindet zwischen dem Mikrokosmos, den wir nicht unmittelbar einsehen können, und dem Makrokosmos, den wir auch nicht unmittelbar einsehen können. In diesen beiden Bereichen, dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos, gelten andere Gesetze, andere Naturgesetze als in dem Bereich zwischendrin, dem Mesokosmos, in dem wir leben.

Und doch: Allein, dass wir alle drei Bereiche, und in den kommenden Jahrzehnten werden manche von uns und vor allem kommende Generationen sicherlich noch mehr Bereiche kennen lernen, als Kosmoi, als Kosmen bezeichnen, weist doch schon darauf hin, dass sich in Ihnen eine rational nachvollziehbare Ordnung erkennen lässt. Auch wenn es eine ganz andere Ordnung als die unserer sinnlichen Erfahrungen ist. Es ist eine Ordnung, die wir zumindest ansatzweise erkennen können, eine wunderbare, unser räumliches Vorstellungsvermögen überschreitende Ordnung, die allem Gewordenen seine Existenz verleiht und wissenschaftlich auf ein Sein, auf einen höheren Sinn, auf ein höheres Gutes verweist.

Gesellschaft

Wir sind keine Termiten. Wir sind keine Ameisen. Deshalb können wir ganz unvorbelastet und ohne Ressentiments die Leistungen der Termiten und Ameisen betrachten und feststellen, dass auch in der Natur gesellschaftliche Bereiche existieren, die ganzen Gesellschaften ein Überleben sichern. Gesellschaften, die auf Ordnung gründen.

Auch in unserer menschlichen Gesellschaft können wir nur durch eine verwirklichte Ordnung leben. Und in einer Gesellschaft, die zwar jede Menge Ordnung aufweisen kann, in der nicht aber auch weitgehend Harmonie herrscht, wollten die meisten von uns wohl auch nicht leben.

Die Ordnung unserer Gesellschaft ist uns, durch mühsam erarbeitete Gesetze erschaffen, weitgehend vorgegeben. Die Harmonie in unserer Gesellschaft können und müssen wir weitgehend selbst gestalten: Durch unser Verhalten in der Gesellschaft, durch unser Verhalten in der Welt! Durch ein Verhalten, das geprägt ist durch Sinn und freundschaftliche Gesinnung!

Pädagogik (Vermittlung von Sinn)

Ein Bereich der Sinnerfüllung liegt mir besonders am Herzen. Es ist der Bereich der Pädagogik im weitesten Sinn des Begriffs; von der Kinderpädagogik über die Schulpädagogik über die berufsbildende oder universitäre Pädagogik bis hin zur Erwachsenenpädagogik und Therapie: Nichts Wichtigeres und Hilfreicheres gibt es zu erlernen als die Verwirklichung von Sinn!

Sinn, das Gute, Lust und Verstand

Ich hatte den Sinn, den Logos, mit dem Sein und dem Guten gleichgesetzt. Da wir nun Menschen sind, und zum Sein, zum Sinn, zum Logos, zum Guten nur schwer Zugang finden, stellt sich für uns Menschen, für uns alle, die Frage, wo und auf welche Weise wir denn das Gute, das ja auch das Gute unseres Lebens ist, finden können. Wie und wodurch macht es sich uns bemerkbar? Wie können wir es erahnen? Wie können wir es sicher fassen?

Diese Frage stellt auch schon, ganz zu Beginn unserer Philosophiegeschichte der Philosoph Platon / Sokrates in seinem Werk Politeia (Der Staat): „Aber das weißt du ja doch wohl auch, dass der Menge die Lust das Gute zu sein scheint, denen aber, die sich mehr wissen, die Einsicht“. (Pol. 505b6)

Wir stehen heute vor der gleichen Frage: Was ist das Gute? Was weist uns auf das Gute hin? Ist es das Fühlen oder ist es das Denken? Ist es die Lust oder ist es der Verstand? Oder sollte es gar noch ein Drittes, Lust und Verstand Überschreitendes geben, das uns das Gute erkenntlich werden lassen kann?

Was ist das Gute? Was ist der Sinn?

Sokrates / Platon weist uns darauf hin, und ich möchte das bekräftigen, dass es noch ein Drittes, etwas Anderes als die Lust und den Verstand gibt, dass uns das Gute zeigen kann. Denn Lust und Verstand können uns beide in die Irre führen: Etwas kann durchaus große Lust versprechen, aber verheerende Folgen haben. Und unser Verstand kann gleichfalls mancherlei ausmalen, was uns gut zu sein erscheint, ohne dass es jedoch, was sich dann erst in der Folge zeigen wird, keineswegs gut ist, sondern vielleicht sogar großes Unheil anrichtet.

Dieses Dritte, das Fühlen und das Denken, die Lust und den Verstand Überschreitende, ist das, was wir im deutschen philosophischen Sprachgebrauch als die Vernunft bezeichnen. (Andere, uns nahestehende Sprachen besitzen übrigens gar kein Äquivalent für das Wort Vernunft).

Was ist die Vernunft?

Was also ist diese Vernunft, die so Überragendes leisten können soll, dass sie verlässlicher ist, als Lust und das Verstandesdenken.

Vernunft ist das, was wir in unserer Sprache als das Nachdenken bezeichnen. Im Gegensatz zum Verstandes-Denken ist das Vernunft-Denken ein Nachdenken, ein Nach-Denken über das, was uns die Lust verheißt oder über das, was uns das Verstandesdenken vorschlägt. Die Vernunft, das Vernunftdenken ist also auf die Hinweise, Wegweisungen und Vorschläge der Lust, auch der Gefühle und das Verstandesdenkens angewiesen, um über diese „Aussagen“ erneut nach-zu-denken. Die Vernunft nimmt die Vorschläge, die Gefühle und Denken anbieten, auf und unterzieht sie erneut einem Denken; diesmal unter der vorgegebenen Frage: Ist es sinnvoll? Ist es gut? Ist es für unser Leben und das menschliche Leben ganz allgemein hilfreich und förderlich?

Vereinfacht: Unsere Gefühle oder unser Verstandesdenken schlagen uns das eine oder das andere vor, was wir tun könnten oder wie wir uns verhalten könnten. Die Vernunft greift diese Vorschläge auf und fragt: Ist es auch gut, dieses eine oder andere zu tun? Oder könnte auch ein Schaden daraus erwachsen?

Der Sinn unseres Lebens: Verwirklichung von Sinn und Vernunft

Hier sind wir nun am Ende unserer Reise, am Ende unserer Suche nach dem Sinn des Lebens angelangt: Im Gebrauch der Vernunft liegt der Sinn unseres menschlichen Lebens. Die Vernunft, dieses Nach-Denken unter dem Aspekt des Guten, will uns vor Schaden bewahren und uns das erkenntlich werden lassen, was gut ist, was sinnvoll ist. Der Gebrauch der Vernunft ist die Verwirklichung des Guten, die Verwirklichung von Sinn in seiner edelsten Form! Eine höherwertige Sinnverwirklichung kann es wohl nicht geben.

© Dr. Michael Gutmann, Berlin
(SokratesBerlin. de, Sinn-Therapie.com)

Berlin, im August 2016


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